Wirtschaft & Raumfahrt

Mitfahrgelegenheit ins All

Deutsche Startups bauen Satelliten, die Waldbrände sehen, bevor am Boden der erste Rauch auffällt. Nach oben kommen sie bis heute nur als Gast.

10.07.2026 ca. 12 Min. Lesezeit
Mitfahrgelegenheit ins All

In einem Satz

Deutsche Firmen bauen Satelliten, die Waldbrände melden, Ernten überwachen und Trümmer im Orbit verfolgen. Nach oben bringt sie bis heute niemand aus Deutschland.

Die deutsche Wertschöpfungskette im Orbit
Satellit bauen Reflex Aerospace Antrieb liefern Morpheus Space fehlt Transport in den Orbit Daten senden Mynaric Bahnen sichern Vyoma Daten auswerten LiveEO Deutschland kann jedes Glied dieser Kette. Bis auf eines. Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg arbeiten daran. Orbital geflogen ist bisher keine der beiden.

Jedes Glied steht für einen Arbeitsschritt, den deutsche Firmen heute beherrschen, mit je einem Beispiel. Nur den Transport in den Orbit kauft die Branche bislang zu, überwiegend in den Vereinigten Staaten.

Ein Feuer, das aus 550 Kilometern Höhe zuerst gesehen wird

Irgendwo in einem Wald glimmt es. Nicht mehr als eine Handvoll heißer Asche unter dem Laub, vielleicht die Reste eines Lagerfeuers, vielleicht ein Blitz von vorgestern. Es raucht kaum. Wer daneben stünde, würde nichts bemerken. Das Feuer hat noch Stunden Zeit, bevor es aus sich selbst heraus zu einem Waldbrand wird.

Was der Mensch am Boden nicht sieht, sieht ein Gerät von der Größe eines Schuhkartons, das in rund 550 Kilometern Höhe über den Wald hinwegzieht. Es fotografiert nicht. Es misst Wärme. Seine Kamera nimmt thermales Infrarot auf, also die Strahlung, die jeder warme Körper von sich aus abgibt, und zwar in drei Kanälen zwischen 3,4 und 12,5 Mikrometern. Für diese Kamera ist die glimmende Asche kein unauffälliger Fleck zwischen Blättern, sondern der hellste Punkt der ganzen Landschaft.

Gebaut hat den Schuhkarton OroraTech, eine Ausgründung der Technischen Universität München. Es handelt sich um einen CubeSat im Format 8U, also acht gestapelte Würfel von je zehn Zentimetern Kantenlänge. Rund vierzehn eigene Satelliten hat die Firma nach eigenen Angaben Anfang 2026 im Orbit, das Ziel liegt bei etwa hundert. Ein einzelner Bildpunkt der Kamera deckt zweihundert Meter Erdboden ab, was zunächst grob klingt. Weil ein Feuer aber sehr viel heißer ist als alles um es herum, verrät sich ein Glutnest von wenigen Metern Kantenlänge trotzdem in dem einen Bildpunkt, in dem es liegt.

Der eigentliche Wert steckt nicht in der Auflösung, sondern in der Wiederkehr. Erst wenn die volle Konstellation im Orbit ist, soll jeder Punkt der Erde seltener als alle dreißig Minuten unbeobachtet bleiben. Diese Revisit-Zeit ist die Zahl, an der alles hängt. Ein Feuerwachturm sieht seinen Wald ununterbrochen, aber eben nur seinen Wald. Ein Satellit sieht die ganze Erde, aber nur, wenn er gerade darüber hinwegzieht. Der Wettlauf der Erdbeobachtung ist ein Wettlauf um die Lücke zwischen zwei Überflügen.

Grafik 1: Was ein Thermalsatellit sieht
Was das Auge sieht Was die Wärmekamera sieht 1 3 2 Sichtbares Licht, 0,4 bis 0,7 Mikrometer Thermales Infrarot, 3,4 bis 12,5 Mikrometer OroraTech FOREST: 8U-CubeSat, 550 km Bahnhöhe, 200 m je Bildpunkt 1 Das Glutnest im sichtbaren Licht: klein, blass, vom Rauch verdeckt. 2 Dasselbe Glutnest im Infrarot: der hellste Punkt der ganzen Szene. 3 Der Rauch: für das Auge eine Wand, für die Wärmestrahlung weitgehend durchlässig.

Die Kamera misst nicht Licht, sondern abgestrahlte Wärme. Deshalb bleibt ein Glutnest auch dann sichtbar, wenn der Rauch es längst verdeckt. Die Werte stammen von OroraTech und der ESA.

Was sonst noch über Ihnen arbeitet

OroraTech ist kein Einzelfall, sondern der bekannteste Vertreter einer ganzen Gruppe. Zweihundert Kilometer weiter westlich, in Freiburg, baut constellr Satelliten, die ebenfalls Wärme messen, nur auf eine andere Frage hin. Ihre Instrumente lösen dreißig Meter auf und bestimmen daraus die Temperatur der Landoberfläche. Ein Acker, dessen Pflanzen genug Wasser haben, kühlt sich durch Verdunstung. Ein Acker, dessen Pflanzen durstig sind, tut das nicht und wird messbar wärmer. Der Landwirt sieht auf dem Feld noch nichts, der Satellit sieht es schon. Der erste dieser Satelliten, SkyBee-1, startete am 14. Januar 2025, der zweite im Juni desselben Jahres.

Wieder anders arbeitet Vyoma, eine Ausgründung derselben Münchner Universität wie OroraTech. Deren Satelliten schauen nicht nach unten, sondern zur Seite. An Bord sind optische Teleskope, die andere Objekte im Orbit aufspüren: ausgediente Satelliten, abgesprengte Oberstufen, Trümmer von Kollisionen. Der erste, Flamingo-1, erreichte am 11. Januar 2026 seine Bahn in rund fünfhundert Kilometern Höhe. Er ist gewissermaßen der Verkehrsbeobachter über der Autobahn, auf der alle anderen fahren.

Man kann diese Liste verlängern. Antriebe für Kleinsatelliten kommen aus Dresden, Laserterminals aus Gilching bei München, die Auswertung von Satellitendaten für Bahnstrecken und Stromnetze aus Berlin. Deutschland ist im Orbit erstaunlich gut vertreten, deutlich besser, als die öffentliche Wahrnehmung es nahelegt. Wer die Kette der Arbeitsschritte durchgeht, findet für fast jeden eine deutsche Firma, die ihn beherrscht.

Fast jeden.

Die Frage, die selten gestellt wird

Über Satelliten wird geschrieben, was sie können. Selten wird geschrieben, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie das können. Die Frage klingt banal, und ihre Antwort ist es nicht.

Reflex Aerospace, eine Berliner Firma, brachte am 14. Januar 2025 ihren ersten Satelliten in eine sonnensynchrone Umlaufbahn in 510 Kilometern Höhe. Er heißt SIGI, wiegt 109 Kilogramm und ist gebaut worden, um zu zeigen, wie schnell man so etwas heute bauen kann. Am selben Tag, an Bord derselben Rakete, flog SkyBee-1 mit, der erste Thermalsatellit von constellr. Und mit ihnen flogen einhundertneunundzwanzig weitere Nutzlasten aus aller Welt. Die Rakete war eine Falcon 9 des amerikanischen Unternehmens SpaceX, die Mission trug den Namen Transporter-12.

Es ist kein Einzelfall. Vyomas Flamingo-1 startete im Januar 2026 auf einer Falcon 9. SkyBee-2 startete im Juni 2025 auf einer Falcon 9. Die Satelliten von OroraTech kamen auf demselben Weg nach oben. Man kann die Liste der deutschen Erfolge im Orbit der vergangenen zwei Jahre durchgehen und findet unter fast jedem von ihnen dieselbe amerikanische Rakete.

Dieses Verfahren heißt Rideshare, und der deutsche Begriff dafür trifft es genauer: Es ist eine Mitfahrgelegenheit. Ein Betreiber bucht keinen Start, er bucht einen Platz. Er zahlt nach Gewicht, teilt sich die Fahrt mit über hundert anderen und bekommt dafür einen Preis, den kein Alleinflug bieten könnte. Was er nicht bekommt, ist Einfluss. Der Abfahrtstermin steht fest, das Ziel steht fest, und beides bestimmt jemand anderes. Wer eine andere Bahn braucht, muss warten oder selbst nachhelfen.

Wer mitfährt, bestimmt weder den Abfahrtstermin noch das Ziel.

Man sollte daraus keine Empörung machen. Die Mitfahrgelegenheit ist ein gutes Geschäft für beide Seiten, und ohne sie stünden die meisten dieser Satelliten heute noch in einem Reinraum. Aber sie beschreibt eine Abhängigkeit, die in der deutschen Debatte über Souveränität selten auftaucht. Die Firmen, die Deutschlands Stärke im Orbit ausmachen, sind Kunden genau des Unternehmens, dessen Vorherrschaft zwei andere deutsche Firmen brechen sollen.

Grafik 2: Mitfahrgelegenheit
Ein Flug, 131 Nutzlasten: Transporter-12 am 14. Januar 2025 Jedes Kästchen ist eine Nutzlast. Zwei kamen aus Deutschland. 1 2 alle auf derselben Bahn Erdoberfläche 510 km sonnensynchron 1 SIGI von Reflex Aerospace, Berlin. 109 kg, 510 km, sonnensynchrone Bahn. 2 SkyBee-1 von constellr, Freiburg. Thermalkamera mit 30 m Auflösung. 129 weitere Nutzlasten aus aller Welt, darunter drei Transferstufen.

Die Kästchen stehen für Nutzlastplätze, nicht für ihre wahre Anordnung. Entscheidend ist das Verhältnis: Zwei deutsche Satelliten unter einhunderteinunddreißig, auf einer Rakete, die keiner von beiden gehört.

Dreißig Sekunden über Andøya

Am 30. März 2025, um halb eins mittags, hob auf der norwegischen Insel Andøya eine Rakete ab, die Spectrum heißt. Sie ist achtundzwanzig Meter hoch, zwei Meter dick und wurde in Ottobrunn bei München gebaut, von einer Firma namens Isar Aerospace, die drei Absolventen der Technischen Universität München 2018 gegründet haben. In ihrer ersten Stufe arbeiten neun eigene Triebwerke, entwickelt im Haus. Sie soll bis zu tausend Kilogramm in eine erdnahe Bahn bringen. Es war der erste Versuch überhaupt, von kontinentaleuropäischem Boden aus eine kommerzielle Rakete in den Orbit zu schicken.

Die Rakete verließ die Startanlage sauber. Dreißig Sekunden später wurde der Flug beendet. Das Flugbeendigungssystem trennte die Triebwerke ab, Spectrum fiel kontrolliert ins Meer, in ein Gebiet, das für genau diesen Fall gesperrt war. Niemand wurde verletzt, die Startanlage blieb unbeschädigt.

Was in den dreißig Sekunden davor geschah, ist bis heute nicht in Zahlen veröffentlicht. Isar Aerospace hat weder Höhen- noch Geschwindigkeitswerte mitgeteilt, und es gibt keinen öffentlichen Untersuchungsbericht, nur eine mit der norwegischen Luftfahrtbehörde abgestimmte Zusammenfassung. Beobachter, die die Übertragung verfolgten, berichteten von ersten sichtbaren Schwankungen nach etwa achtzehn Sekunden. Bestätigt hat das Unternehmen diese Beobachtung nicht.

Grafik 3: Was am 30. März 2025 geschah
Von Isar Aerospace bestätigt Zündung und Abheben Flug beendet T+30 Sekunden T+0 10 s 20 s 30 s 40 s kontrollierter Fall ins Meer erste sichtbare Schwankungen, T+18 s Von Beobachtern berichtet, vom Unternehmen nicht bestätigt. Höhe und Geschwindigkeit des Fluges wurden nie veröffentlicht und sind hier bewusst nicht dargestellt.

Schematische Darstellung der belegten Ereignisse, nicht der Flugbahn. Die einzige offiziell genannte Zeitangabe ist die Flugbeendigung bei T+30 Sekunden. Alles, was eine Kurve mit Höhen- und Geschwindigkeitswerten zeigen würde, wäre erfunden.

Der Gründer Daniel Metzler nannte den Flug hinterher einen Erfolg. Das klingt nach Schönfärberei, und man muss kurz innehalten, um zu verstehen, warum es keine ist. Ein Erstflug hat nicht die Aufgabe, einen Orbit zu erreichen. Er hat die Aufgabe, Daten zu liefern, die auf keinem Teststand entstehen können: wie sich die Rakete verhält, wenn alle neun Triebwerke gleichzeitig unter echten Lasten arbeiten, wie die Struktur schwingt, ob die Regelung greift, ob im Ernstfall die Sprengladungen zünden, die den Flug beenden. Genau das hat dieser Flug geliefert, und zwar auch die letzte, unangenehmste Antwort.

Der Vergleich

Ein Crashtest gilt nicht als gescheitert, weil das Auto danach kaputt ist. Er gilt als gescheitert, wenn man nichts gemessen hat. Beim ersten Flug einer neuen Rakete ist es ähnlich, mit einem Unterschied: Es gibt keinen Teststand, auf dem man ihn üben könnte.

Man darf diese Rechnung trotzdem nicht überdehnen. Sie gilt für den ersten Flug. Beim zweiten wird gemessen, ob aus den Daten des ersten etwas geworden ist. Dieser zweite Flug ist mehrfach verschoben worden und stand am 10. Juli 2026 noch aus.

Die Stufe, die in Schottland verbrannte

Sieben Monate vor Andøya, am 19. August 2024, stand auf dem schottischen Weltraumbahnhof SaxaVord die erste Stufe einer anderen deutschen Rakete auf dem Prüfstand. Sie gehört der Rocket Factory Augsburg, kurz RFA, die im selben Jahr 2018 gegründet wurde wie Isar Aerospace, als Ausgründung des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB. Was an jenem Abend geplant war, nennt die Branche Static Fire: Die Stufe wird festgezurrt, die Triebwerke werden gezündet, die Rakete fliegt nicht, sie brüllt nur. Alle neun Triebwerke sollten zusammen laufen.

In einer Sauerstoffpumpe entstand ein Feuer. Es griff über. Die komplette erste Stufe war danach verloren. Die Startaufhängung, auf der sie stand, wurde schwer beschädigt, der Startplatz selbst blieb im Wesentlichen nutzbar. Es war der Verlust von Jahren an Arbeit, in einer Nacht, ohne dass die Rakete je den Boden verlassen hätte.

Achtzehn Monate hat RFA gebraucht. Im Frühjahr 2026 gingen neue Stufen nach SaxaVord, die Triebwerke durchliefen ihre Abnahme. Das Unternehmen wirbt seit Jahren mit dem Satz, man müsse Raketen bauen wie Autos, in Serie, mit Zulieferern, ohne handwerkliche Einzelanfertigung. Ob dieser Satz stimmt, wird sich erst zeigen, wenn die zweite Rakete so schnell entsteht wie versprochen. Der Erstflug ist angekündigt. Geflogen ist er nicht.

Damit stehen sich zwei deutsche Firmen gegenüber, deren Lebensläufe sich fast decken. Beide 2018 gegründet, beide aus dem Umfeld etablierter Institutionen, beide groß geworden mit demselben staatlichen Wettbewerb, beide unter den fünf Firmen, die Europa als künftige Träger ausgewählt hat. Und beide haben ihren schwersten Rückschlag hinter sich, bevor sie ihren ersten Satelliten ausgesetzt haben.

1.000 kg
Nutzlast der Spectrum in eine erdnahe Bahn
1.300 kg
Nutzlast der RFA One in 500 km Höhe
9 + 1
Aquila-Triebwerke der Spectrum, erste und zweite Stufe
100 kN
Schub je Helix-Triebwerk der RFA One

Woher das Geld kommt

Dass es beide Firmen überhaupt gibt, verdanken sie einem Wettbewerb. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt schrieb Anfang der 2020er Jahre einen Mikrolauncher-Wettbewerb aus, insgesamt fünfundzwanzig Millionen Euro. Wer gewann, bekam elf Millionen und, wichtiger noch, einen staatlichen Erstkunden. Isar Aerospace gewann die erste Runde im Jahr 2021, RFA die zweite im Jahr darauf. Gemessen an dem, was der Bau einer Rakete kostet, waren das keine großen Summen. Gemessen an dem, was ein junges Unternehmen braucht, um Investoren zu überzeugen, waren sie entscheidend.

Wie klein diese Beträge sind, sieht man erst im Vergleich. Ende November 2025 trafen sich die Raumfahrtminister der europäischen Staaten in Bremen und legten fest, wie viel Geld die Europäische Weltraumorganisation in den kommenden Jahren ausgeben darf. Deutschland zeichnete den größten Anteil aller Mitgliedsstaaten, rund fünf Komma vier Milliarden Euro. Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen: Sie gilt zu heutigen wirtschaftlichen Bedingungen. Nach der Verrechnungsweise der Weltraumorganisation sind es rund fünf Komma eins Milliarden. Auch die Gesamtsumme ist unscharf. Die Organisation selbst kommuniziert 22,3 Milliarden Euro, tatsächlich gezeichnet wurden nach Detailberichten rund 22,07 Milliarden.

Für die beiden Raketenfirmen zählt eine dritte Zahl. Im Juli 2025 wählte die Weltraumorganisation fünf europäische Unternehmen für die European Launcher Challenge aus, unter ihnen Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg. Jedes von ihnen kann bis zu einhundertneunundsechzig Millionen Euro erhalten, für Startdienste und für den Ausbau seiner Fertigung. Nicht dabei ist HyImpulse, die dritte deutsche Raketenfirma, deren Antrieb mit Kerzenwachs arbeitet. Wer diese Auswahl nicht schaffte, muss sein Geld anderswo finden.

Grafik 4: Drei Größenordnungen, ein Maßstab
Alle drei Balken im selben Maßstab Mikrolauncher-Wettbewerb des DLR, je Sieger 11 Mio. Euro European Launcher Challenge je Firma, Höchstbetrag 169 Mio. Euro Deutschlands Zeichnung bei der ESA, November 2025 5,4 Mrd. Euro Der oberste Balken ist 0,9 Bildpunkte breit. Er ist nicht weggelassen, er ist so klein.

Maßstabsgetreu, ohne unterbrochene Achse. Die deutsche ESA-Zeichnung ist rund fünfhundertmal so groß wie die Fördersumme, mit der Isar Aerospace und RFA einst gewannen, und rund zweiunddreißigmal so groß wie der Höchstbetrag der European Launcher Challenge je Firma. Die 5,4 Milliarden gelten zu heutigen wirtschaftlichen Bedingungen, nach der Verrechnungsweise der ESA sind es rund 5,1 Milliarden.

Der Staat hat also gebaut, was ein Staat bauen kann: eine Startbahn aus Geld, Erstaufträgen und politischer Rückendeckung. Abheben muss jemand anderes.


Der Fall Mynaric

Es gibt in dieser Geschichte eine Firma, die alles richtig gemacht zu haben schien und trotzdem verloren ist. Mynaric, ansässig in Gilching westlich von München, baut optische Terminals für Laserkommunikation. Zwei Satelliten, die einander sehen, richten je einen Laserstrahl aufeinander und tauschen Daten aus, ohne Funk, ohne Frequenzzuteilung, ohne dass jemand am Boden mithören könnte. Es ist eine der Schlüsseltechnologien für die Satellitennetze, die derzeit entstehen. Mynaric hatte bis Juni 2025 mehr als einhundert Terminals seiner dritten Generation ausgeliefert. Der wichtigste Kunde war die Raumfahrtbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums.

Die Technologie funktionierte. Die Finanzen nicht. Das Unternehmen hatte über Jahre mehr Geld verbrannt, als es einnahm, und der Schuldenberg wuchs schneller als die Produktion. Im Mai 2025 bestätigte das Amtsgericht München einen Sanierungsplan nach dem Unternehmensstabilisierungsgesetz. Das Kapital wurde auf null herabgesetzt. Wer Aktien von Mynaric besaß, verlor sie ersatzlos, die Papiere wurden ausgebucht, die Börsennotierung endete.

Am 14. April 2026 wurde die Übernahme abgeschlossen. Käufer ist Rocket Lab, ein amerikanisch-neuseeländisches Raumfahrtunternehmen, das mit eigenen Raketen fliegt und nun auch die deutschen Laserterminals besitzt. Die Gesamtgegenleistung betrug rund einhundertfünfundfünfzig Komma drei Millionen US-Dollar. Der Standort München bleibt bestehen und soll die Keimzelle eines europäischen Ablegers werden.

Man kann das als Erfolg lesen. Die Technologie ist gerettet, die Arbeitsplätze bleiben, ein starker Eigentümer investiert. Man kann es auch anders lesen. Eine europäische Schlüsseltechnologie, entwickelt mit europäischem Kapital, gehört jetzt einem amerikanischen Wettbewerber, und die Menschen, die das Risiko getragen haben, gingen leer aus. Beides ist wahr. Die Technologie bleibt im Land, die Erlöse fließen woandershin.

Was offen ist

Am Tag, an dem dieser Text entsteht, steht keine deutsche Rakete im Orbit. Isars zweiter Flug ist angekündigt und mehrfach verschoben worden. RFAs erster Flug ist angekündigt und mehrfach verschoben worden. Beides ist normal, Raketen starten selten am ersten geplanten Termin, und beide Unternehmen haben gute Gründe, lieber zu warten als zu verlieren. Aber solange das so ist, bleibt die Kette unvollständig.

Was man beobachten kann, ist konkret genug. Ob Spectrum ein zweites Mal abhebt und wie lange sie diesmal fliegt. Ob RFA aus einer verbrannten Stufe eine fliegende macht. Ob die europäischen Fördermillionen in Hardware münden oder in Präsentationen. Und ob der nächste deutsche Satellit, der eine Schlagzeile bekommt, wieder auf einer amerikanischen Rakete sitzt.

Bis dahin gilt, was der Titel sagt. Die Satelliten sind deutsch, die Kameras sind deutsch, die Antriebe, die Laser und die Software sind es auch. Nur der Weg nach oben gehört jemand anderem. Eine Mitfahrgelegenheit hört erst dann auf, eine zu sein, wenn man selbst am Steuer sitzt.


Kurz erklärt

Sonnensynchrone Umlaufbahn

Eine Bahn, die so um die Erde gelegt ist, dass der Satellit jeden Ort immer zur selben Ortszeit überfliegt. Er kommt vorbei wie ein Briefträger mit festem Zeitplan, jeden Tag um dieselbe Uhrzeit. Das klingt nach einer Spielerei, ist aber der Grund, warum sich zwei Aufnahmen desselben Ackers im Abstand von Wochen überhaupt vergleichen lassen: Der Sonnenstand ist derselbe, die Schatten fallen gleich. Ohne diese Bedingung wäre jede Veränderung im Bild womöglich nur eine Veränderung des Lichts. Fast alle Erdbeobachtungssatelliten fliegen deshalb sonnensynchron.

CubeSat

Ein Baukastenmaß für Satelliten. Eine Einheit ist ein Würfel von zehn Zentimetern Kantenlänge, und man kann Einheiten stapeln: Ein 8U-Satellit besteht aus acht davon und hat etwa die Größe eines Schuhkartons. Der Sinn liegt nicht in der Größe, sondern in der Norm. Wer sich an die Maße hält, passt in jeden standardisierten Auswurfbehälter jeder Rakete und bekommt seinen Platz, ohne dass jemand eine Spezialhalterung bauen muss. Der CubeSat hat für die Raumfahrt getan, was der Schiffscontainer für die Fracht getan hat.

Rideshare

Die Fahrgemeinschaft ins All. Statt eine ganze Rakete zu mieten, bucht ein Betreiber einen Platz darin und zahlt nach dem Gewicht seiner Nutzlast. Das drückt den Preis so weit, dass sich auch kleine Firmen und Universitäten einen Satelliten leisten können. Bezahlt wird mit Kontrolle: Der Starttermin steht fest, der Zielorbit steht fest, und beides bestimmt jemand anderes. Wer eine andere Bahn braucht, muss entweder warten, eine eigene Transferstufe mitbuchen oder eine eigene Rakete haben.

Thermales Infrarot

Kein Licht, sondern Wärme. Jeder Gegenstand, der wärmer ist als der absolute Nullpunkt, strahlt Energie ab, und je heißer er ist, desto mehr. Eine Wärmekamera misst genau diese Strahlung. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von einem Nachtsichtgerät, das vorhandenes Restlicht verstärkt und im völlig Dunkeln blind wäre. Ein Thermalsatellit sieht nachts so gut wie am Tag. Und er sieht ein Glutnest auch dann, wenn Rauch darüber liegt, denn Rauchpartikel streuen sichtbares Licht sehr wirksam, Wärmestrahlung in bestimmten Wellenlängen dagegen kaum.

Static Fire

Der Standtest einer Rakete. Sie wird verankert, die Triebwerke werden gezündet, und sie fliegt nicht. Sie brüllt nur. Gemessen wird, ob der Schub stimmt, ob die Struktur die Schwingungen aushält, ob alle Triebwerke zusammenarbeiten. Es ist der letzte große Test vor dem Start und der einzige, den man jederzeit abbrechen kann. Er ist auch gefährlich, denn die gesamte Energie eines Raketenstarts wird freigesetzt, ohne dass sie in Bewegung umgesetzt wird. Rocket Factory Augsburg verlor bei einem solchen Test im August 2024 eine komplette erste Stufe.

Revisit-Zeit

Die Zeit, die vergeht, bis derselbe Punkt auf der Erde wieder überflogen und aufgenommen wird. Ein einzelner Satellit braucht dafür je nach Bahn Tage. Eine Konstellation aus vielen Satelliten drückt die Zeit auf Stunden oder Minuten. Bei einem Waldbrand entscheidet genau diese Zahl über den Nutzen des ganzen Systems, denn ein Feuer, das in der Lücke zwischen zwei Überflügen entsteht, wächst ungesehen weiter. Deshalb bauen Erdbeobachter lieber viele einfache Satelliten als wenige perfekte. Die Auflösung sagt, wie genau man hinsieht. Die Revisit-Zeit sagt, wie oft.

Quellen

  1. Isar Aerospace: Erstflug der SpectrumPressemitteilung, 30.03.2025
  2. Isar Aerospace: Spectrum, technische DatenAbgerufen am 10.07.2026
  3. SpaceNews: RFA first stage destroyed in static fire test20.08.2024
  4. SaxaVord Spaceport: Statement on RFA stage lossAugust 2024
  5. Rocket Factory Augsburg: RFA OneAbgerufen am 10.07.2026
  6. ESA: European Launcher Challenge, preselected challengers unveiled07.07.2025
  7. DLR: Deutschland investiert 5,4 Milliarden Euro in die europäische Raumfahrt28.11.2025
  8. ESA: Member States commit to largest contributions at MinisterialMinisterratskonferenz Bremen, 27.11.2025
  9. DLR: Mikrolauncher-WettbewerbAbgerufen am 10.07.2026
  10. eoPortal: OroraTech Wildfire ConstellationStand 30.07.2025
  11. ESA Earth Online: FOREST-2, Instrumente und BahndatenAbgerufen am 10.07.2026
  12. SpaceNews: SpaceX launches 131 payloads on Transporter-12 rideshare mission14.01.2025
  13. Reflex Aerospace: SIGIAbgerufen am 10.07.2026
  14. eoPortal: HiVE, die Thermalsatelliten von constellrAbgerufen am 10.07.2026
  15. Vyoma: Erster Satellit zur Weltraumlage-Erfassung im OrbitJanuar 2026
  16. Mynaric: StaRUG-Verfahren, Investor RelationsGerichtsbestätigung 28.05.2025
  17. Via Satellite: Rocket Lab closes Mynaric acquisition14.04.2026
  18. Mynaric: CONDOR Mk3, ProduktdatenAbgerufen am 10.07.2026