Mitfahrgelegenheit ins All
Deutsche Startups bauen Satelliten, die Waldbrände sehen, bevor am Boden der erste Rauch auffällt. Nach oben kommen sie nur als Gast. Zwei deutsche Raketenfirmen wollen das ändern, und beide haben ihren schwersten Rückschlag schon hinter sich.

In einem Satz
Deutsche Firmen bauen Satelliten, die Waldbrände melden, Ernten überwachen und Trümmer im Orbit verfolgen, doch nach oben fliegen sie als Gast auf einer fremden Rakete, und die beiden deutschen Firmen, die das ändern wollen, haben ihren schwersten Rückschlag schon hinter sich.
Ein Feuer, das aus 550 Kilometern Höhe zuerst gesehen wird
Irgendwo in einem Wald glimmt es. Nicht mehr als eine Handvoll heißer Asche unter dem Laub, vielleicht die Reste eines Lagerfeuers, vielleicht ein Blitz von vorgestern. Es raucht kaum. Wer daneben stünde, würde nichts bemerken. Das Feuer hat noch Stunden Zeit, bevor es aus sich selbst heraus zu einem Waldbrand wird.
Was du am Boden nicht siehst, sieht ein Gerät von der Größe eines Schuhkartons, das in rund 550 Kilometern Höhe über den Wald hinwegzieht. Es fotografiert nicht. Es misst Wärme. Seine Kamera nimmt thermales Infrarot auf, also die Strahlung, die jeder warme Körper von sich aus abgibt, und zwar in drei Kanälen zwischen 3,4 und 12,5 Mikrometern. Für diese Kamera ist die glimmende Asche kein unauffälliger Fleck zwischen Blättern. Sie ist der hellste Punkt der ganzen Landschaft.
Die Kamera misst nicht Licht, sondern abgestrahlte Wärme. Deshalb bleibt ein Glutnest auch dann sichtbar, wenn der Rauch es längst verdeckt. Die Werte stammen von OroraTech und der ESA.
Gebaut hat den Schuhkarton OroraTech, eine Ausgründung der Technischen Universität München, und genau genommen ist es ein CubeSat im Format 8U: acht gestapelte Würfel von je zehn Zentimetern Kantenlänge, genormt, damit sie in den Auswurfbehälter fast jeder Rakete passen. Rund vierzehn eigene Satelliten hatte die Firma nach eigenen Angaben Anfang 2026 im Orbit, das Ziel liegt bei etwa hundert. Ein einzelner Bildpunkt der Kamera deckt zweihundert Meter Erdboden ab, was zunächst grob klingt. Weil ein Feuer aber sehr viel heißer ist als alles um es herum, verrät sich ein Glutnest von wenigen Metern trotzdem in dem einen Bildpunkt, in dem es liegt.
Der eigentliche Wert steckt deshalb nicht in der Auflösung, sondern in der Wiederkehr. Erst wenn die volle Konstellation im Orbit ist, soll jeder Punkt der Erde seltener als alle dreißig Minuten unbeobachtet bleiben. Diese Revisit-Zeit ist die Zahl, an der alles hängt. Ein Feuerwachturm sieht seinen Wald ununterbrochen, aber eben nur seinen Wald. Ein Satellit sieht die ganze Erde, aber nur, wenn er gerade darüber hinwegzieht. Der Wettlauf der Erdbeobachtung ist ein Wettlauf um die Lücke zwischen zwei Überflügen.
Was sonst noch über dir kreist
Dabei ist OroraTech kein Einzelfall, nur der bekannteste Vertreter einer ganzen Gruppe. Zweihundert Kilometer weiter westlich, in Freiburg, baut constellr Satelliten, die ebenfalls Wärme messen, nur auf eine andere Frage hin. Ihre Instrumente lösen dreißig Meter auf und bestimmen daraus die Temperatur der Landoberfläche. Ein Acker, dessen Pflanzen genug Wasser haben, kühlt sich durch Verdunstung. Ein Acker, dessen Pflanzen durstig sind, tut das nicht und wird messbar wärmer. Der Landwirt sieht auf dem Feld noch nichts, der Satellit sieht es schon. Der erste dieser Satelliten, SkyBee-1, startete am 14. Januar 2025, der zweite im Juni desselben Jahres.
Wieder anders arbeitet Vyoma, eine Ausgründung derselben Münchner Universität. Deren Satelliten schauen nicht nach unten, sondern zur Seite. An Bord sind optische Teleskope, die andere Objekte im Orbit aufspüren: ausgediente Satelliten, abgesprengte Oberstufen, Trümmer von Kollisionen. Der erste, Flamingo-1, erreichte am 11. Januar 2026 seine Bahn in rund fünfhundert Kilometern Höhe. Er ist so etwas wie der Verkehrsbeobachter über der Autobahn, auf der alle anderen fahren.
Die Liste lässt sich verlängern. Antriebe für Kleinsatelliten kommen aus Dresden, Laserterminals aus Gilching bei München, die Auswertung von Satellitendaten für Bahnstrecken und Stromnetze aus Berlin. Als ich angefangen habe, die Arbeitsschritte eines Satelliten der Reihe nach durchzugehen, vom Bau bis zur Auswertung der Daten, habe ich für fast jeden eine deutsche Firma gefunden, die ihn beherrscht.
Für fast jeden.
Jedes Glied steht für einen Arbeitsschritt, den deutsche Firmen heute beherrschen, mit je einem Beispiel. Nur den Transport in den Orbit kauft die Branche bislang zu, überwiegend in den Vereinigten Staaten.
Die Frage, die selten gestellt wird
Über Satelliten wird geschrieben, was sie können. Kaum jemand schreibt, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie das können. Die Frage klingt banal. Ihre Antwort ist es nicht.
Reflex Aerospace, eine Berliner Firma, brachte am 14. Januar 2025 ihren ersten Satelliten in eine sonnensynchrone Umlaufbahn in 510 Kilometern Höhe. Er heißt SIGI, wiegt 109 Kilogramm und ist gebaut worden, um zu zeigen, wie schnell man so etwas heute bauen kann. Am selben Tag, an Bord derselben Rakete, flog SkyBee-1 mit, der erste Thermalsatellit von constellr. Und mit ihnen einhundertneunundzwanzig weitere Nutzlasten aus aller Welt. Die Rakete war eine Falcon 9. Von SpaceX. Die Mission hieß Transporter-12.
Das war kein Zufall. Ich habe die Starts der deutschen Satelliten aus den zwei Jahren vor diesem Text nebeneinandergelegt: Vyomas Flamingo-1 startete im Januar 2026 auf einer Falcon 9. SkyBee-2 startete im Juni 2025 auf einer Falcon 9. Die Satelliten von OroraTech kamen auf demselben Weg nach oben. Unter fast jedem deutschen Erfolg im Orbit steht dieselbe amerikanische Rakete.
Dieses Verfahren heißt Rideshare, und der deutsche Begriff trifft es genauer: Es ist eine Mitfahrgelegenheit. Ein Betreiber bucht keinen Start, er bucht einen Platz. Er zahlt nach Gewicht, teilt sich die Fahrt mit über hundert anderen und bekommt dafür einen Preis, den kein Alleinflug bieten könnte. Was er nicht bekommt, ist Einfluss. Der Abfahrtstermin steht fest, das Ziel steht fest, und beides bestimmt jemand anderes.
Die Kästchen stehen für Nutzlastplätze, nicht für ihre wahre Anordnung. Entscheidend ist das Verhältnis: Zwei deutsche Satelliten unter einhunderteinunddreißig, auf einer Rakete, die keiner von beiden gehört.
Daraus muss niemand Empörung machen. Die Mitfahrgelegenheit ist ein gutes Geschäft für beide Seiten, und ohne sie stünden die meisten dieser Satelliten heute noch in einem Reinraum. Aber sie beschreibt eine Abhängigkeit, die in der deutschen Debatte über Souveränität selten auftaucht. Die Firmen, die Deutschlands Stärke im Orbit ausmachen, sind Kunden genau des Unternehmens, dessen Vorherrschaft zwei andere deutsche Firmen brechen wollen.
Dreißig Sekunden über Andøya
Die erste dieser beiden Firmen hat es versucht. Am 30. März 2025, um halb eins mittags, hob auf der norwegischen Insel Andøya eine Rakete ab, die Spectrum heißt. Sie ist achtundzwanzig Meter hoch, zwei Meter dick und wurde in Ottobrunn bei München gebaut, von Isar Aerospace, die drei Absolventen der Technischen Universität München 2018 gegründet haben. In ihrer ersten Stufe arbeiten neun eigene Triebwerke, in der zweiten ein weiteres, alle im Haus entwickelt. Sie soll bis zu tausend Kilogramm in eine erdnahe Bahn bringen. Es war der erste Versuch überhaupt, von kontinentaleuropäischem Boden aus eine kommerzielle Rakete in den Orbit zu schicken.
Die Rakete verließ die Startanlage sauber. Dreißig Sekunden später war der Flug vorbei. Das Flugbeendigungssystem schaltete die Triebwerke ab, Spectrum fiel kontrolliert ins Meer, in ein Gebiet, das für genau diesen Fall gesperrt war. Niemand wurde verletzt, die Startanlage blieb unbeschädigt.
Was in den dreißig Sekunden davor geschah, ist bis heute nicht in Zahlen veröffentlicht. Isar Aerospace hat weder Höhen- noch Geschwindigkeitswerte mitgeteilt, und es gibt keinen öffentlichen Untersuchungsbericht, nur eine mit der norwegischen Luftfahrtbehörde abgestimmte Zusammenfassung. Beobachter, die die Übertragung verfolgten, berichteten von ersten sichtbaren Schwankungen nach etwa achtzehn Sekunden. Bestätigt hat das Unternehmen das nicht.
Schematische Darstellung der belegten Ereignisse, nicht der Flugbahn. Die einzige offiziell genannte Zeitangabe ist die Flugbeendigung bei T+30 Sekunden. Alles, was eine Kurve mit Höhen- und Geschwindigkeitswerten zeigen würde, wäre erfunden.
Der Gründer Daniel Metzler nannte den Flug hinterher einen Erfolg. Das klingt nach Schönfärberei. Ich halte es trotzdem nicht dafür, und der Grund ist einfach: Ein Erstflug hat nicht die Aufgabe, einen Orbit zu erreichen. Er soll Daten liefern, die auf keinem Teststand entstehen können. Wie verhält sich die Rakete, wenn alle neun Triebwerke gleichzeitig unter echten Lasten arbeiten? Wie schwingt die Struktur, greift die Regelung, zünden im Ernstfall die Sprengladungen, die den Flug beenden? Genau das hat dieser Flug geliefert, bis hin zur letzten, unangenehmsten Antwort.
Denk an einen Crashtest. Er gilt nicht als gescheitert, weil das Auto danach kaputt ist, sondern nur dann, wenn niemand etwas gemessen hat. Beim ersten Flug einer neuen Rakete ist es ähnlich, mit einem Unterschied: Es gibt keinen Teststand, auf dem man ihn üben könnte.
Nur darf man diese Rechnung nicht überdehnen. Sie gilt für den ersten Flug. Beim zweiten wird gemessen, ob aus den Daten des ersten etwas geworden ist. Dieser zweite Flug war mehrfach verschoben worden und stand am 10. Juli 2026 noch aus.
Die Stufe, die in Schottland verbrannte
Die zweite Firma hat ihren Rückschlag schon früher erlebt, noch am Boden. Sieben Monate vor Andøya, am 19. August 2024, stand auf dem schottischen Weltraumbahnhof SaxaVord die erste Stufe der Rocket Factory Augsburg auf dem Prüfstand, kurz RFA. Die Firma wurde im selben Jahr 2018 gegründet wie Isar Aerospace, als Ausgründung des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB. Ihre RFA One soll 1.300 Kilogramm in 500 Kilometer Höhe bringen, etwas mehr als die Spectrum. An jenem Abend war ein Static Fire geplant: Die Stufe wird festgezurrt, die Triebwerke werden gezündet, die Rakete fliegt nicht, sie brüllt nur. Alle neun Triebwerke sollten zusammen laufen.
In einer Sauerstoffpumpe entstand ein Feuer. Es griff über. Die komplette erste Stufe war danach verloren. Die Startaufhängung, auf der sie stand, wurde schwer beschädigt, der Startplatz selbst blieb im Wesentlichen nutzbar. Jahre an Arbeit, verloren in einer Nacht, ohne dass die Rakete je den Boden verlassen hätte.
Achtzehn Monate hat RFA danach gebraucht, bis im Frühjahr 2026 neue Stufen nach SaxaVord gingen und die Triebwerke ihre Abnahme durchliefen. Das Unternehmen wirbt seit Jahren mit dem Satz, man müsse Raketen bauen wie Autos, in Serie, mit Zulieferern, ohne handwerkliche Einzelanfertigung. Ob dieser Satz stimmt, zeigt sich erst, wenn die zweite Rakete so schnell entsteht wie versprochen. Der Erstflug war angekündigt. Geflogen war er im Juli 2026 noch nicht.
Damit stehen sich zwei deutsche Firmen gegenüber, deren Lebensläufe sich fast decken. Beide 2018 gegründet, beide aus dem Umfeld etablierter Institutionen, beide groß geworden mit demselben staatlichen Wettbewerb, beide unter den fünf Firmen, die Europa als künftige Träger ausgewählt hat. Und beide haben ihren schwersten Rückschlag hinter sich, bevor sie ihren ersten Satelliten ausgesetzt haben.
Woher das Geld kommt
Dass es beide Firmen überhaupt gibt, verdanken sie einem Wettbewerb. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt schrieb Anfang der 2020er Jahre einen Mikrolauncher-Wettbewerb aus, insgesamt fünfundzwanzig Millionen Euro. Wer gewann, bekam elf Millionen und, wichtiger noch, einen staatlichen Erstkunden. Isar Aerospace gewann die erste Runde 2021, RFA die zweite im Jahr darauf. Für den Bau einer Rakete ist das wenig. Für ein junges Unternehmen, das Investoren davon überzeugen muss, dass es mehr ist als eine Idee in einer Werkshalle bei München oder Augsburg, war es entscheidend.
Wie klein diese Beträge sind, siehst du erst im Vergleich. Ende November 2025 trafen sich die Raumfahrtminister der europäischen Staaten in Bremen und legten fest, wie viel Geld die Europäische Weltraumorganisation in den kommenden Jahren ausgeben darf. Deutschland zeichnete den größten Anteil aller Mitgliedsstaaten, rund fünf Komma vier Milliarden Euro. Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen, sie gilt zu heutigen wirtschaftlichen Bedingungen; nach der Verrechnungsweise der ESA sind es rund fünf Komma eins Milliarden. Auch die Gesamtsumme ist unscharf: Die ESA selbst nennt 22,3 Milliarden Euro, tatsächlich gezeichnet wurden nach Detailberichten rund 22,07 Milliarden.
Für die beiden Raketenfirmen zählt eine dritte Zahl. Im Juli 2025 wählte die ESA fünf europäische Unternehmen für die European Launcher Challenge aus, unter ihnen Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg. Jedes von ihnen kann bis zu einhundertneunundsechzig Millionen Euro erhalten, für Startdienste und für den Ausbau seiner Fertigung. Nicht dabei ist HyImpulse, die dritte deutsche Raketenfirma, deren Antrieb mit Kerzenwachs arbeitet. Wer diese Auswahl nicht schaffte, muss sein Geld anderswo finden.
Maßstabsgetreu, ohne unterbrochene Achse. Die deutsche ESA-Zeichnung ist rund fünfhundertmal so groß wie die Fördersumme, mit der Isar Aerospace und RFA einst gewannen, und rund zweiunddreißigmal so groß wie der Höchstbetrag der European Launcher Challenge je Firma. Die 5,4 Milliarden gelten zu heutigen wirtschaftlichen Bedingungen, nach der Verrechnungsweise der ESA sind es rund 5,1 Milliarden.
Der Staat hat also gebaut, was ein Staat bauen kann: eine Startbahn aus Geld, Erstaufträgen und politischer Rückendeckung. Abheben muss jemand anderes.
Der Fall Mynaric
Wie es ausgeht, wenn das Geld fehlt, obwohl die Technik stimmt, zeigt eine Firma, die alles richtig gemacht zu haben schien. Mynaric, ansässig in Gilching westlich von München, baut optische Terminals für Laserkommunikation. Zwei Satelliten, die einander sehen, richten je einen Laserstrahl aufeinander und tauschen Daten aus, ohne Funk, ohne Frequenzzuteilung, ohne dass jemand am Boden mithören könnte. Es ist eine der Schlüsseltechnologien für die Satellitennetze, die derzeit entstehen. Bis Juni 2025 hatte Mynaric mehr als einhundert Terminals seiner dritten Generation ausgeliefert. Der wichtigste Kunde war die Raumfahrtbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums.
Die Technologie funktionierte. Die Finanzen nicht. Über Jahre hatte das Unternehmen mehr Geld verbrannt, als es einnahm, und der Schuldenberg wuchs schneller als die Produktion, bis die Gläubiger nicht mehr warten wollten. Im Mai 2025 bestätigte das Amtsgericht München einen Sanierungsplan nach dem Unternehmensstabilisierungsgesetz. Das Kapital wurde auf null herabgesetzt. Wer Aktien von Mynaric besaß, verlor sie ersatzlos, die Papiere wurden ausgebucht, die Börsennotierung endete.
Am 14. April 2026 war die Übernahme abgeschlossen. Käufer ist Rocket Lab, ein amerikanisch-neuseeländisches Raumfahrtunternehmen, das mit eigenen Raketen fliegt und nun auch die deutschen Laserterminals besitzt, für eine Gesamtgegenleistung von rund 155,3 Millionen US-Dollar. Der Standort München bleibt bestehen und soll die Keimzelle eines europäischen Ablegers werden.
Das lässt sich als Erfolg lesen. Die Technologie ist gerettet, die Arbeitsplätze bleiben, ein starker Eigentümer investiert. Es lässt sich auch anders lesen: Eine europäische Schlüsseltechnologie, entwickelt mit europäischem Kapital, gehört jetzt einem amerikanischen Wettbewerber, und die Menschen, die das Risiko getragen haben, gingen leer aus. Ich halte beides für wahr. Die Technologie bleibt im Land, die Erlöse fließen woandershin.
Was offen ist
Als ich diesen Text im Juli 2026 abgeschlossen habe, stand keine deutsche Rakete im Orbit. Isars zweiter Flug war angekündigt und mehrfach verschoben, RFAs erster Flug ebenso. Das ist normal. Raketen starten selten am ersten geplanten Termin, und beide Unternehmen haben gute Gründe, lieber zu warten als zu verlieren. Aber solange das so ist, bleibt die Kette unvollständig.
Worauf ich achte, ist konkret genug. Ob Spectrum ein zweites Mal abhebt und wie lange sie diesmal fliegt. Ob RFA aus einer verbrannten Stufe eine fliegende macht. Ob die europäischen Fördermillionen in Hardware münden oder in Präsentationen. Und ob der nächste deutsche Satellit, der eine Schlagzeile bekommt, wieder auf einer amerikanischen Rakete sitzt.
Bis dahin gilt, was der Titel sagt. Die Satelliten sind deutsch, die Kameras sind deutsch, die Antriebe, die Laser und die Software sind es auch. Nur der Weg nach oben gehört jemand anderem. Eine Mitfahrgelegenheit hört erst dann auf, eine zu sein, wenn du selbst am Steuer sitzt.
Kurz erklärt
Sonnensynchrone Umlaufbahn
Eine Bahn, die so um die Erde gelegt ist, dass der Satellit jeden Ort immer zur selben Ortszeit überfliegt. Er kommt vorbei wie ein Briefträger mit festem Zeitplan, jeden Tag um dieselbe Uhrzeit. Das klingt nach einer Spielerei, ist aber der Grund, warum sich zwei Aufnahmen desselben Ackers im Abstand von Wochen überhaupt vergleichen lassen: Der Sonnenstand ist derselbe, die Schatten fallen gleich. Ohne diese Bedingung wäre jede Veränderung im Bild womöglich nur eine Veränderung des Lichts. Fast alle Erdbeobachtungssatelliten fliegen deshalb sonnensynchron.
CubeSat
Ein Baukastenmaß für Satelliten. Eine Einheit ist ein Würfel von zehn Zentimetern Kantenlänge, und man kann Einheiten stapeln: Ein 8U-Satellit besteht aus acht davon und hat etwa die Größe eines Schuhkartons. Der Sinn liegt nicht in der Größe, sondern in der Norm. Wer sich an die Maße hält, passt in jeden standardisierten Auswurfbehälter jeder Rakete und bekommt seinen Platz, ohne dass jemand eine Spezialhalterung bauen muss. Der CubeSat hat für die Raumfahrt getan, was der Schiffscontainer für die Fracht getan hat.
Rideshare
Die Fahrgemeinschaft ins All. Statt eine ganze Rakete zu mieten, bucht ein Betreiber einen Platz darin und zahlt nach dem Gewicht seiner Nutzlast. Das drückt den Preis so weit, dass sich auch kleine Firmen und Universitäten einen Satelliten leisten können. Bezahlt wird mit Kontrolle: Der Starttermin steht fest, der Zielorbit steht fest, und beides bestimmt jemand anderes. Wer eine andere Bahn braucht, muss entweder warten, eine eigene Transferstufe mitbuchen oder eine eigene Rakete haben.
Thermales Infrarot
Kein Licht, sondern Wärme. Jeder Gegenstand, der wärmer ist als der absolute Nullpunkt, strahlt Energie ab, und je heißer er ist, desto mehr. Eine Wärmekamera misst genau diese Strahlung. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von einem Nachtsichtgerät, das vorhandenes Restlicht verstärkt und im völlig Dunkeln blind wäre. Ein Thermalsatellit sieht nachts so gut wie am Tag. Und er sieht ein Glutnest auch dann, wenn Rauch darüber liegt, denn Rauchpartikel streuen sichtbares Licht sehr wirksam, Wärmestrahlung in bestimmten Wellenlängen dagegen kaum.
Static Fire
Der Standtest einer Rakete. Sie wird verankert, die Triebwerke werden gezündet, und sie fliegt nicht. Sie brüllt nur. Gemessen wird, ob der Schub stimmt, ob die Struktur die Schwingungen aushält, ob alle Triebwerke zusammenarbeiten. Es ist der letzte große Test vor dem Start und der einzige, den man jederzeit abbrechen kann. Er ist auch gefährlich, denn die gesamte Energie eines Raketenstarts wird freigesetzt, ohne dass sie in Bewegung umgesetzt wird. Rocket Factory Augsburg verlor bei einem solchen Test im August 2024 eine komplette erste Stufe.
Revisit-Zeit
Die Zeit, die vergeht, bis derselbe Punkt auf der Erde wieder überflogen und aufgenommen wird. Ein einzelner Satellit braucht dafür je nach Bahn Tage. Eine Konstellation aus vielen Satelliten drückt die Zeit auf Stunden oder Minuten. Bei einem Waldbrand entscheidet genau diese Zahl über den Nutzen des ganzen Systems, denn ein Feuer, das in der Lücke zwischen zwei Überflügen entsteht, wächst ungesehen weiter. Deshalb bauen Erdbeobachter lieber viele einfache Satelliten als wenige perfekte. Die Auflösung sagt, wie genau man hinsieht. Die Revisit-Zeit sagt, wie oft.
Quellen
- Isar Aerospace: Erstflug der Spectrum
- Isar Aerospace: Spectrum, technische Daten
- SpaceNews: RFA first stage destroyed in static fire test
- SaxaVord Spaceport: Statement on RFA stage loss
- Rocket Factory Augsburg: RFA One
- ESA: European Launcher Challenge, preselected challengers unveiled
- DLR: Deutschland investiert 5,4 Milliarden Euro in die europäische Raumfahrt
- ESA: Member States commit to largest contributions at Ministerial
- DLR: Mikrolauncher-Wettbewerb
- eoPortal: OroraTech Wildfire Constellation
- ESA Earth Online: FOREST-2, Instrumente und Bahndaten
- SpaceNews: SpaceX launches 131 payloads on Transporter-12 rideshare mission
- Reflex Aerospace: SIGI
- eoPortal: HiVE, die Thermalsatelliten von constellr
- Vyoma: Erster Satellit zur Weltraumlage-Erfassung im Orbit
- Mynaric: StaRUG-Verfahren, Investor Relations
- Via Satellite: Rocket Lab closes Mynaric acquisition
- Mynaric: CONDOR Mk3, Produktdaten