Project Apex: SpaceX vor dem Börsengang
Zum Börsengang im Juni 2026 legte SpaceX seine Zahlen offen: Raketen, Satelliten-Internet und KI-Rechenzentren, rasantes Wachstum und tiefrote Verluste. Ich habe gelesen, woraus der Vorsprung wirklich besteht, und was Europa daraus lernen kann.
In einem Satz
Zum Börsengang im Juni 2026 legte SpaceX 60 Seiten Zahlen offen: 18,7 Milliarden Dollar Umsatz, 4,9 Milliarden Verlust und drei Geschäfte, die alle auf einem einzigen Vorsprung ruhen, dem billigsten Weg in den Orbit; genau dieser Baustein fehlt Europa, und daran ändert Geld allein wenig.
Sechzig Seiten, Stand 5. Juni 2026. Unter dem Projektnamen "Apex" bereitete Space Exploration Technologies damals den womöglich größten Technologie-Börsengang der Geschichte vor, und dieses Dokument ist die Investorenpräsentation dazu. 555,6 Millionen neue Aktien zu je 135 Dollar, rund 75 Milliarden Dollar Erlös, Ticker SPCX an der Nasdaq. Elon Musk verpflichtete sich, seine Aktien 366 Tage lang nicht zu verkaufen, länger als alle anderen im Angebot.
Ich habe die Präsentation gelesen, und eine Frage ist mir dabei immer wichtiger geworden als die Bewertung der Aktie: Woraus besteht dieser Vorsprung eigentlich, den SpaceX vor dem Rest der Welt hat? Denn wer das versteht, versteht auch, warum Europa so weit zurückliegt und was es daran ändern könnte.
Vorweg zwei Dinge zur Einordnung. Eine solche Roadshow-Präsentation ist naturgemäß werblich und blickt nach vorn, Zahlen zur Vergangenheit stehen dort neben Zielen und Erwartungen. Ich trenne beides im Text. Und dieser Beitrag ist keine Anlageberatung.
Drei Geschäfte, eine Reihenfolge
SpaceX beschreibt sich selbst als das einzige Unternehmen, das die Infrastruktur der Zukunft in drei Feldern zugleich baut: Raumfahrt seit 2002, Internet aus dem All seit 2020, künstliche Intelligenz seit 2023. Entscheidend ist die Reihenfolge. Erst machen die Raketen den Weg in den Orbit billig, dann füllt Starlink ihn mit Satelliten, und darauf setzt ein KI-Geschäft auf. Jede Stufe finanziert und ermöglicht die nächste.
Das Fundament ist das Startgeschäft mit Falcon 9, Falcon Heavy, der Schwerlastrakete Starship und der bemannten Dragon-Kapsel. Über 650 Starts hat SpaceX hinter sich, allein 2025 flog die Falcon-Familie 165-mal, und bei mehr als 95 Prozent dieser Flüge war der Booster schon einmal geflogen. Seit 2023 bringt SpaceX mehr als 80 Prozent der weltweit in den Orbit beförderten Masse nach oben. Umsatz 2025: rund 4,1 Milliarden Dollar, nur aus Starts für fremde Kunden.
Dann kommt der Umsatzmotor, Starlink. Laut Präsentation kreisen über 9.600 Starlink-Satelliten, rund drei Viertel aller aktiven, steuerbaren Satelliten weltweit, spätere Zählungen von Mitte 2026 nennen über 10.000. 10,3 Millionen Abonnenten in 164 Ländern surfen damit im Mittel mit 225 Megabit pro Sekunde. Der Umsatz stieg von 3,9 Milliarden Dollar 2023 auf 11,4 Milliarden 2025, inzwischen 61 Prozent des Konzerns. Ab der zweiten Hälfte 2026 sollen neue V3-Satelliten mehr als zwanzigmal so viel Bandbreite pro Start bringen, möglich erst, weil Starship sie in großer Zahl hochträgt.
Das dritte Feld ist das jüngste und umstrittenste. SpaceX hat 2023 X übernommen, das frühere Twitter, 2026 den KI-Entwickler xAI eingegliedert und baut Rechenzentren im Gigawatt-Maßstab. Der Cluster Colossus hat laut Präsentation rund ein Gigawatt Anschlussleistung, dazu kommen das Sprachmodell Grok mit rund 117 Millionen aktiven Nutzern und die Plattform X. Das Segment setzte 2025 rund 3,2 Milliarden Dollar um und schreibt operativ rote Zahlen. Ab 2028 sollen Rechenzentren sogar in den Orbit wandern, wo Solarstrom reichlich ist und die Kühlung nichts kostet.
Wachstum auf Pump
Die Zahlen erzählen zwei Geschichten zugleich. Die erste ist ein Wachstumsmärchen: Der Konzernumsatz stieg von 10,4 Milliarden Dollar 2023 über 14,0 auf 18,7 Milliarden 2025, allein im letzten Jahr um 33 Prozent, getragen fast im Alleingang von Starlink.
in Milliarden US-Dollar. Connectivity (Starlink) trägt den Löwenanteil des Wachstums. Hellgrau steht für Connectivity (Starlink), Dunkelgrau für Space (Starts) und AI (Compute, Grok, X). Quelle: Roadshow-Präsentation, S. 47/52-54. Segmentsummen leicht rundungsbedingt.
Die zweite Geschichte ist die Rechnung dafür. 2025 investierte SpaceX 20,7 Milliarden Dollar, mehr, als der Konzern umsetzte. Nach US-Bilanzregeln stand am Ende ein Nettoverlust von 4,9 Milliarden. Die Kennzahl, die die Präsentation lieber zeigt, ist das bereinigte EBITDA: 6,6 Milliarden Dollar, positiv, aber ohne genau jene Abschreibungen, Zinsen und Aktienvergütungen, die aus dem Investitionsberg entstehen.
Das ist Absicht, keine Schwäche, aber es ist real. Das profitable Herz ist Starlink mit 7,2 Milliarden Dollar Segmentergebnis vor Abschreibungen. Es bezahlt die teuren Zukunftswetten, Starship und die KI-Rechenzentren. Die Präsentation nennt ehrgeizige Ziele, eine Bruttomarge von rund 70 statt 49 Prozent und den Weg aus den Verlusten in eine Gewinnzone von 45 Prozent. Ausdrücklich Ziele, keine Prognosen. Ob sie erreicht werden, ist die eigentliche Frage an jeden, der diese Aktie kauft.
Der eigentliche Vorsprung
Und damit sind wir beim Kern. Warum wirkt SpaceX trotz der roten Zahlen so unangreifbar? Die Antwort steht auf Seite 24 der Präsentation, und sie ist eine einzige Zahl: was es kostet, ein Kilogramm in eine niedrige Erdumlaufbahn zu bringen.
in US-Dollar je kg. Der historische Wert ist der Durchschnitt 1970 bis 2000. Quelle: Roadshow-Präsentation S. 24 (Datenbasis NASA). Starship-Wert ist ein Ziel, kein erreichter Ist-Wert.
Zwischen 1970 und 2000 waren es im Schnitt rund 18.500 Dollar. Mit der wiederverwendbaren Falcon 9 sind es etwa 2.700, mit der Falcon Heavy etwa 1.400. Starship soll den Preis noch einmal um eine Größenordnung drücken, um mehr als 99 Prozent gegenüber früher, aber das ist ein Ziel, kein erreichter Wert.
Alles andere folgt daraus. Wer die billigsten Raketen besitzt, kann sich als Einziger eine Flotte aus zehntausend Satelliten leisten. Wer diese Flotte hat, besitzt ein weltweites Datennetz und kann irgendwann Rechenleistung im All verkaufen. Konkurrenten in jedem einzelnen Feld müssen den entscheidenden Baustein, den günstigen Weg nach oben, von außen einkaufen. Oft bei SpaceX selbst.
in Prozent der globalen Nutzlastmasse pro Jahr. Quelle: Roadshow-Präsentation S. 22 (Datenbasis BryceTech). Zum Vergleich: Der gesamte Rest der Welt, alle anderen Nationen und Firmen zusammen, teilt sich die verbleibenden unter 20 Prozent.
Die anderen, ein Jahrzehnt dahinter
Dabei nennt die Präsentation keinen einzigen Konkurrenten beim Namen. SpaceX stellt sich als "N of 1" dar, als das eine Unternehmen ohne Vergleich. Das ist Verkaufsrhetorik, aber mit wahrem Kern. 2025 gab es weltweit rund 325 Orbitalstarts, etwa die Hälfte davon flog SpaceX. Ein einzelner Falcon-9-Booster erreichte in diesem Jahr seinen 29. Flug, während die meisten anderen ihre Raketen nach einem Start noch ins Meer fallen lassen.
Blue Origin, die Firma von Jeff Bezos, hat im November 2025 als zweite der Welt eine Orbital-Erststufe gelandet, dann beschädigte eine Explosion beim Bodentest im Mai 2026 die Startanlage schwer. Rocket Lab ist mit 18 Starts die Nummer drei, die eigentliche Falcon-9-Konkurrentin Neutron aber ist auf Ende 2026 verschoben. China ist der breiteste Herausforderer mit 68 Starts des Staatskonzerns CASC, und die Privatfirma LandSpace hat mit der Zhuque-3 den Orbit erreicht, die Bergung der Stufe scheiterte jedoch. Die US-Rakete Vulcan und die europäische Ariane 6 fliegen zuverlässig, aber vollständig als Einwegraketen und entsprechend teuer.
Und beim Internet aus dem All ist der Abstand fast noch größer. Amazons Konstellation Leo, früher Project Kuiper, hatte Mitte 2026 erst rund 250 bis 375 von 3.236 genehmigten Satelliten im Orbit und musste die US-Behörde FCC um mehr Zeit bitten, weil Raketen fehlen. Einen Teil davon kauft Amazon ausgerechnet beim direkten Rivalen. Nur bei Rechenzentren im All ist SpaceX nicht allein vorn: Google und das von Nvidia gestützte Startup Starcloud haben dort bereits Rechenhardware getestet.
Was das für Europa heißt
Für mich ist diese Präsentation vor allem ein Spiegel. Während ein einziges US-Unternehmen 2025 165-mal ins All flog, brachte ganz Europa rund fünf Starts zustande.
Zahl der Startversuche pro Anbieter bzw. Region. Europa umfasst Ariane 6 und Vega C zusammen. Quelle: SpaceNews, BryceTech, McKinsey (2025/2026). USA und China stellten zusammen rund 88 Prozent aller Starts.
Immerhin hat Europa mit der Ariane 6, die im Juli 2024 erstmals flog, und der zurückgekehrten Vega C wieder einen eigenen Zugang zum All. Die Zeit davor war eine echte Abhängigkeitskrise: Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine fiel 2022 die Sojus weg, eine Vega C stürzte ab, die Ariane 6 verspätete sich, und für mittelgroße Nutzlasten hatte Europa zeitweise faktisch keinen souveränen Weg nach oben.
Der Preis für die wiedergewonnene Souveränität ist allerdings hoch. Die Ariane 6 flog 2025 nur viermal, kostet über 100 Millionen Euro pro Start und ist eine reine Einwegrakete. Ein wiederverwendbarer Nachfolger wird nicht vor den 2030er-Jahren erwartet. Genau hier liegt der Rückstand, und er ist kein Detail. Es ist exakt der Baustein, auf dem bei SpaceX alles ruht.
Dabei gibt es junge Firmen durchaus. Isar Aerospace aus Deutschland ist mit über 400 Millionen Euro die bestfinanzierte unabhängige Raketenfirma Europas, ihr erster Flug endete im März 2025 nach dreißig Sekunden, der zweite stand Mitte 2026 noch aus. MaiaSpace, eine Tochter der ArianeGroup, plant von Anfang an wiederverwendbar, PLD Space aus Spanien und The Exploration Company sammelten dreistellige Millionenbeträge ein. Aber die Szene ist fragil. Die britische Orbex meldete Anfang 2026 Insolvenz an, die Rocket Factory Augsburg verlor 2024 eine komplette Erststufe bei einem Brand. Und es fehlt Geld für die Wachstumsphase: Europäische Weltraum-Startups sammelten 2025 zusammen rund 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro ein, US-Firmen fast acht Milliarden.
Die Lehre aus dem Aufstieg
Was Europa tun müsste, ist erstaunlich wenig umstritten. Der Draghi-Bericht, Denkfabriken wie ESPI und Bruegel, McKinsey und die Industrie selbst kommen zu einem ähnlichen Bild, und es beginnt mit einer Einsicht über SpaceX.
SpaceX wurde nicht groß, weil der Staat eine bessere Rakete gebaut hätte. Es wurde groß, weil die NASA als verlässlicher Ankerkunde einem privaten Anbieter das Risiko abnahm und ihn danach im Wettbewerb bestehen ließ. Das Programm dafür, COTS, kostete rund 821 Millionen Dollar. Europa fehlt bis heute genau diese Kombination aus verlässlicher Nachfrage und echtem Wettbewerb.
Daraus folgen die wichtigsten Hebel fast von selbst. Europa müsste Startkontingente zu Festpreisen ausschreiben, statt Raketen selbst zu bauen, und die Aufträge nach Leistung vergeben statt nach Länderproporz, dem sogenannten Geo-Return, dessen Abschaffung der Draghi-Bericht ausdrücklich empfiehlt. Die Demonstratoren für wiederverwendbare Stufen, Themis, Prometheus und Callisto, müssten schneller zu einer einsatzfähigen Rakete werden, nicht erst in den 2030ern. Dazu kommen ein Fonds für die Wachstumsphase, damit die Skalierung nicht dauerhaft an US-Kapital hängt, und die stark steigenden Verteidigungsbudgets als verlässliche Nachfrage nach europäischen Starts, Erdbeobachtung und sicherer Kommunikation.
Geld allein löst es nicht. Im November 2025 sagten die ESA-Mitgliedstaaten in Bremen rund 22 Milliarden Euro für 2026 bis 2028 zu, das größte Budget ihrer Geschichte. Ein starkes Signal, aber eines aus der Defensive.
Ein Profil zum Zeitpunkt
Also, woraus besteht der Vorsprung? Nicht aus der Mars-Vision und nicht aus einem Börsenwert, sondern aus einer sehr bodenständigen Zahl: Dollar pro Kilogramm. Auf ihr ruhen Starlink, die Gewinne, die das Unternehmen trägt, und die KI-Wette, die es gerade eingeht. Die Dominanz im Startgeschäft ist belegt, die roten Zahlen sind es auch, und zwischen beiden liegt die eigentliche Chance und das eigentliche Risiko dieses Börsengangs.
Für Europa ist die Lektüre unbequem, weil sie zeigt, wie schnell der Abstand zu einem einzigen privaten Konzern entstanden ist. Aber sie zeigt auch, dass die Antwort kein Geheimnis ist. Ein verlässlicher Kunde, echter Wettbewerb und eine Rakete, die nach dem Start wieder landet. Mit genau dieser Kombination hat SpaceX einmal angefangen.
Kurz erklärt
Roadshow
Die Werbetour eines Unternehmens vor dem Börsengang. Es stellt sich großen Investoren vor, meist mit einer ausführlichen Präsentation, und wirbt für den Kauf seiner Aktien. Die Zahlen darin sind entsprechend optimistisch gerahmt.
Lock-up
Eine Sperrfrist, in der bisherige Eigentümer ihre Aktien nach dem Börsengang nicht verkaufen dürfen. Sie soll verhindern, dass Gründer und frühe Investoren sofort Kasse machen und den Kurs drücken.
Bereinigtes EBITDA
Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, zusätzlich bereinigt um bestimmte Posten wie Aktienvergütungen. Die Kennzahl lässt ein Unternehmen mit hohen Investitionen oft deutlich besser aussehen als der Gewinn nach den offiziellen Bilanzregeln.
Ankerkunde
Ein großer, verlässlicher Abnehmer, der einem jungen Anbieter feste Aufträge zusagt. Erst diese Zusage macht das Geschäft für Investoren planbar. Für SpaceX war die NASA dieser Ankerkunde.
Geo-Return
Ein Grundsatz der Europäischen Weltraumorganisation: Jedes Land bekommt ungefähr so viele Aufträge für seine Industrie zurück, wie es einzahlt. Das sichert Beteiligung, verteilt Arbeit aber nach Herkunft statt nach Leistung.
Quellen
- SpaceX IPO-Roadshow "Project Apex Roadshow Discussion Materials Long Form"Investoren-Präsentation, Stand 05.06.2026, 60 Seiten: Primärquelle für alle Unternehmenszahlen, Segmente, Vision und operative Kennzahlen
- BryceTech-Report: SpaceX stellte 2025 rund 50 % aller Starts
- SpaceX und China treiben Startrekord 2025
- Blue Origin fliegt New-Glenn-Erststufe wieder
- Starlink-Umsatz und Abonnenten 2025/2026
- Amazon Leo (Kuiper) bittet FCC um Fristverlängerung
- SpaceX zu orbitalen Rechenzentrums-Satelliten
- Nvidia-gestütztes Starcloud trainiert erstes KI-Modell im All
- ESA-Mitgliedstaaten sagen Rekordbudget zu (CM25)
- Ariane 6: Flüge, Kosten, Subvention, Wiederverwendbarkeit
- Is Europe still on the launchpad?
- ESPI Policy Brief 70: The Draghi Report
- Can Europe make its space launch industry competitive?
- Buying Time, Building Sovereignty
- US-Investoren dominieren Europas Scale-up-Runden